Weltrereise
Weltreise
LESEN > ASIEN > VIETNAM > Unausweichlich: Der Vietnamkrieg
Unausweichlich: Der Vietnamkrieg
Weltreise-Berichte aus Asien - Weltreise-Berichte aus Vietnam

Flaggen vor dem Kriegsmuseum

Gerade erst in Ho Chi Minh City angekommen, wollen wir Vietnam in vollen Zügen genießen. Doch wir werden eiskalt von einem noch immer bedrückenden Thema erwischt: Der (zweite) Vietnamkrieg, oder Amerikanischer Krieg, wie er treffender in Vietnam genannt wird…

Ho Chi Minh City hat viel Geschichte im Vietnamkrieg geschrieben. Als ehemaliger Sitz der mit den Amerikanern kollaborierenden Marionettenregierung wurde das frühere Saigon im Zuge einer gnadenlosen Umerziehungskampagne letztlich sogar nach dem großen Freiheitskämpfer des kommunistischen Nordvietnam Ho Chi Minh benannt. Die Zeit der Vietnamkriege, mit eindeutigem Schwerpunkt auf der Phase der amerikanischen Invasion, und die Gräueltaten der politischen Verfolgung werden im „War Remnants Museum“ aufgearbeitet.

Man kann es sich leicht machen und grinsend vor den ausgestellten, gewaltigen Kanonen, Panzern und Flugzeugbombern posieren, wie es tatsächlich einige amerikanische Touristen zum Zeitpunkt unseres Besuches getan haben. Oder man versucht nicht nur die reißerischen Kriegsartefakte zu bewundern, sondern nimmt sich die Zeit, die Geschichte des Krieges anhand detaillierter Berichte nachzuvollziehen. Dies ist jedoch weder zeitlich noch emotional eine einfache Aufgabe.

Mit jeder Schautafel wird das Ausmaß des Schreckens in jener Zeit deutlicher. Natürlich haben auch hier die Sieger versucht, Geschichte zu schreiben. Die beigefügten Fakten und Zitate sind jedoch erdrückend genug und mit tendenziösen Aussagen wird eher spärlich umgegangen. Färbung der Aussagekraft erfolgt zu großen Teilen durch das Weglassen der Kriegsverbrechen des Viet Cong.
Die dargestellten Episoden schonen den Betrachter nicht und grauenvolle Berichte über die Auslöschung ganzer Dörfer nebst eindringlichsten Fotos werden durch politisches Rahmenwerk und statistische Dimensionen unterstrichen. Besonderes Augenmerk liegt hierbei in der Aufarbeitung der durch das Toxin Agent Orange verursachten Schäden. Die Überreste der von den Amerikanern abgeworfenen 100 Millionen Tonnen verursachen noch heute in Vietnam eine deutlich erhöhte Fehlgeburten- und Missbildungsrate durch die Erbsubstanz schädigende Wirkung des Gifts.
Erschüttert und bedrückt folgen wir der Ausstellung über mehrere Stunden. Auch wenn unsere Generation beinahe nichts von diesem Krieg mitbekommen hat, ist das Grauen noch heute greifbar. Wir wollen mehr darüber erfahren und entscheiden uns für einen Besuch der Cu Chi Tunnel, einem bis zu 250 km langen, unterirdischen Tunnellabyrinth in der Nähe Saigons.

Nach mehrstündiger Fahrt erreichen wir die Cu Chi Tunnel, wo wir ein gut erhaltenes Stück des Tunnelnetzwerkes besichtigen werden. Wie schon in Saigon sind wir erstaunt über die Gelassenheit und das Fehlen von Hass in den Stimmen der Vietnamesen, die wir zu dem Thema sprechen können. Geprägt durch die buddhistische Lebensphilosophie blicken Vietnamesen nur sehr wenig in die Vergangenheit zurück. Das Leben in Vietnam geschieht im Hier und Jetzt. Und vielleicht gibt es ab und zu noch einen kleinen Blick nach vorn.

Eine Frau steigt in den schmalen Tunneleingang



Uns fällt das Ignorieren der Vergangenheit gerade nicht so leicht, denn wieder einmal werden wir mit den unfassbaren Bedingungen konfrontiert, unter denen die Vietnamesen während des Krieges leben mussten. Viele Jahre lebten die Soldaten in den unterirdischen Gängen von Cu Chi. Das Tunnelsystem erstreckt sich über bis zu drei Ebenen und ist stark vernetzt, um viele Fluchtwege offen zu halten. Die Tunnel sind in die bloße Erde gegraben, so dass die Luft stickig und feucht ist. Um den großen amerikanischen Soldaten den Zugang zu erschweren, wurden die Tunnel bewusst klein gehalten. Deckenhöhen von 70 oder 80 cm und schuhkartongroße Eingangslöcher im Dschungelboden konnten die unterernährten Vietnamesen noch problemlos nutzen, während die Amerikaner mit ihrem Marschgepäck beinahe stecken blieben.

Sehr kleine und schmale Tunnel



Während wir noch immer bedrückt von den unvorstellbaren Umständen die Dimensionen des Krieges zu greifen versuchen, scheinen sowohl Vietnamesen als auch andere Touristen das besser verdaut zu haben. In der einen Hand ein kühles Bier werden gerade Munitionsmagazine zu einem US Dollar je Schuss entgegen genommen und es geht auf zum fröhlichen Rumballern im Dschungel. Mich haben unterdurchschnittlich begabte Menschen mit vollautomatischen Waffen schon bei der Bundeswehr gestört, aber dazu noch ein Bier in der Hand und ein dickes Machogrinsen sind respekt- und gedankenlos angesichts der Historie dieses Ortes.

Zurück im Hotel verarbeiten wir das Gesehene in Ruhe. Wieder sind wir verblüfft, wie das vietnamesische Volk es schafft, diese grauenvolle Zeit aus dem täglichen Denken herauszuhalten. Die Leidensfähigkeit scheint genetisch vorprogrammiert zu sein, wie auch die Freundlichkeit und der Drang Fremde übers Ohr zu hauen. :-) Wir freuen uns auf viele weitere Erlebnisse in diesem spannenden Land.


<< Zurück zu den Länderinformationen Vietnam
Weiter zum Welterbe: Vietnam >>


Follow the flow!


 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Aktuelle Uhrzeit Vietnam: