Weltrereise
Weltreise
LESEN > ASIEN > LAOS > Blindgänger - Hinterlassenschaft aus dem heimlichen Krieg der Amerikaner
Blindgänger - Hinterlassenschaft aus dem heimlichen Krieg der Amerikaner
Weltreise-Berichte aus Laos

Rechts lauert der Tod

Phonsavan, unser erstes Reiseziel nach dem idyllischen Luang Prabang, ist durch zwei ungelöste Kapitel der laotischen Geschichte bekannt. Touristisch zu erschließen sind die einmaligen Ebenen mit riesigen Steinkrügen, die Plain of Jars, deren Herkunft immer noch unbekannt ist. Weniger erfreulich ist die auf lange Jahre hinaus bestehende Problematik der Blindgänger aus dem heimlichen Krieg der Amerikaner in Laos…



In Phonsavan angekommen, kehrt erst einmal Ernüchterung ein. Nicht viel mehr als eine auf laotische Bedürfnisse ausgelegte Provinzstadt mit industriell anmutenden Gebäuden auf beiden Seiten der Hauptstraßen begrüßt uns. Die Auswahl an Guesthouses ist begrenzt und lässt jeglichen Charme vermissen. Auch die Verpflegungsmöglichkeiten scheinen nicht auf langfristige Touristenaufenthalte ausgelegt zu sein. Es reicht für die grundlegende Befriedigung der elementaren Bedürfnisse. Danach besuchen wir die einzige interessante Anlaufstelle in Phonsavan: Das Büro der Mines Advisory Group (MAG), einer britischen Organisation, die sich das Räumen der Munitionsreste aus dem Krieg der Amerikaner gegen die Vietnamesen auf laotischem Boden zur Aufgabe gemacht hat.

Der zweite Vietnamkrieg oder amerikanische Krieg, wie er in Südostasien genannt wird, hat nicht nur auf vietnamesischem Terrain Spuren hinterlassen. Durch den hohen militärischen Druck der Amerikaner wichen die nordvietnamesischen Truppen mit ihrem Versorgungsstrom, dem legendären Ho Chi Minh Pfad, nach Laos aus. Um den Nachschub der kommunistischen Truppen zu unterbinden, wurden mehr Bomben über laotischem Staatsgebiet abgeworfen als über Vietnam. Dabei haben die USA Laos niemals den Krieg erklärt! Durch die Bombenabwürfe und viele verdeckte „Berater“ der Amerikaner zur Bekämpfung der kommunistischen Laoten hat sich dieser Teil des Vietnamkrieges den höhnischen Beinamen „heimlicher Krieg“ verdient.

Die Ebene um Phonsavan ist eine der am stärksten betroffenen Regionen in Laos. Vor allem Clusterbomben wurden durch die amerikanischen Bomber abgeworfen. Die Argumentation für den Einsatz dieser (seit 2010 endlich von 111 Staaten geächtet - jedoch nicht von den USA) Waffengattung war die flächendeckende Bombardierung von Panzerfahrzeugen und Versorgungstrupps. Tatsächlich wurden so jedoch in kurzer Zeit große Mengen an nichtexplodierten Kleinstbomben verteilt, die als Landminenersatz dienen konnten.

Bombenfund

Clusterbomben bestehen aus größeren Behältern, die ballähnliche Kleinstbomben – die sogenannten Bomblets – enthalten. Die Behälter explodieren in einigem Abstand vom Boden, sodass sich die Sprengkörper über einen größeren Bereich verteilen. Nach einer fest definierten Anzahl von Umdrehungen explodieren diese und schleudern scharfe Metallteile mit hoher Geschwindigkeit in alle Richtungen. Wenn ein Bomblet zufällig nicht die ausreichende Anzahl an Umdrehungen absolviert hat, bleibt es unversehrt liegen. Eine kleine Berührung kann dann schon genügen, um die Explosion auszulösen.

Die in Laos am häufigsten eingesetzte Variante von Clusterbomben ist das Modell CBU-24. Dieses enthält 670 Bomblets von der Größe und Form eines Tennisballs mit jeweils 300 Metallfragmenten. Damit konnten mit einer einzigen CBU-24 über 200.000 Metallfragmente einen Radius von mehreren hundert Quadratmetern in totes Gebiet verwandeln.

Clusterbomben wurden in großen Mengen über Laos abgeworfen. Bei einer geschätzten Versagensrate von 30% verbleiben hunderte oder tausende Bomblets unexplodiert, jedoch voll funktionstüchtig im Abwurfgebiet. Dort warten sie noch heute auf einen Rinderhuf, einen Pflug oder eine Kinderhand, die sie unabsichtlich oder manchmal auch absichtlich berühren…

Karte aller Bombenabwürfe

Nach amerikanischen Aufzeichnungen wurden in Laos 1,36 Millionen Tonnen Bomben mit einer Anzahl von 250 Millionen Bomblets abgeworfen. Dies entspricht 12 Tonnen je Quadratkilometer bzw. einer halben Tonne je Einwohner im damaligen Kampfgebiet. In acht Jahren Flächenbombardement wurde im Schnitt alle acht Minuten eine Ladung Bomben über Laos abgeworfen!

Nicht nur unbeabsichtigte Berührungen der Blindgänger sind eine Gefahr für Tiere und Menschen. Aufgrund der immensen Armut der Landbevölkerung gehen viele Menschen das hohe Risiko ein und sammeln Schrottreste der Bomben. Die gut zwanzig Cent pro Kilogramm Schrottrest sind so verlockend, dass sogar große Fliegerbomben mit Schweißgeräten zerlegt und „entschärft“ werden! Jährlich sterben noch immer bis zu 60 Menschen an den Überresten dieses „heimlichen Krieges“. Beinahe die Hälfte davon sind Kinder, die ihren Eltern beim Verdienen des Lebensunterhalts helfen wollen oder einfach mit den kleinen „Bällen“ spielen.

Trotz aller Bemühungen zur Räumung der nichtexplodierten Munition werden bei der derzeitigen Räumgeschwindigkeit noch einhundert Jahre vergehen bis allein die bekannten 3% der geschätzten Gesamtmenge geräumt sind. Leider hat die amerikanische Regierung bis heute keine offizielle Stellungnahme zu den Geschehnissen abgegeben, so dass die Beihilfe der amerikanischen Regierung nur sehr schleppend erfolgen kann. Teilweise dauert es sogar Jahre, bis die anvisierten Zielzonen der damals durchgeführten militärischen Operationen übergeben werden, um eine genaue Lokalisierung der Blindgänger zu vereinfachen. Von einer Entschuldigung oder adäquaten Entschädigungsleistungen durch die Vereinigten Staaten können die Laoten sicherlich auch in kommenden Jahrzehnten nur träumen.

Deutlich schockiert verlassen wir das Informationszentrum: Dass der Vietnamkrieg auch außerhalb des Landes solch andauernde Spuren hinterlassen hat, war uns bis heute noch nicht bewusst. Mit mulmigem Gefühl planen wir für den folgenden Tag das Erkunden der Tonkrugebene, wissentlich, dass wir auf Minen geräumten Pfaden gehen werden…




Follow the flow!


 
 

Aktuelle Uhrzeit Laos:

 

Verwendung von Cookies
Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Bestätigen Sie dies bitte durch den Button "Agree".
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung
To find out more about the cookies we use and how to delete them, see our privacy policy.

I accept cookies from this site.
EU Cookie Directive plugin by www.channeldigital.co.uk