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Mystische Tempelwelt
Weltreise-Berichte aus Kambodscha

Da geht es lang

Endlich haben wir es zu einem der großen Ziele auf unserer Weltreise geschafft: Angkor Wat in Kambodscha. Die Tempelanlagen der alten Khmer sind weltberühmt, gelten als eines der neuen Weltwunder und wurden millionenfach beschrieben und fotografiert. Tatsächlich handelt es sich um viel mehr als nur einen einzigen Tempel. Dutzende Ruinen aus über vier Jahrhunderten in unterschiedlichstem Zustand befinden sich im Umfeld der Hauptstadt der ehemaligen Khmer Hochkultur. Die Spitze des architektonischen und künstlerischen Schaffens stellt zweifelsohne die mächtige Tempelanlage Angkor Wat dar. Jedoch haben die Streifzüge durch verfallene und von riesigen Bäumen überwucherte Tempel den Abenteurer in uns geweckt und wir spüren die mystische Kraft der heiligen Orte …

Der übliche Weg zur Besichtigung der Tempelanlagen führt normalerweise direkt zum Angkor Wat Tempel. Viele Touristen bringen wenig Zeit mit und beschränken sich auf die Tempel, die die zahlreichen Reiseführer als wesentlich erkoren haben. Glücklicherweise ist die Dauer unseres Aufenthalts nicht durch den Termin des Rückfluges bestimmt und wir können uns selber ein Bild machen. Wir beginnen unsere Erforschung der Tempelanlagen mit einem kurzen Studium der notwendigen Grundlagen im hervorragenden – aber viel zu wenig besuchten – Nationalmuseum in Siem Reap. Dort sind einige der schönsten Stücke der legendären Steinmetzkunst der alten Khmer ausgestellt und auf unterhaltsame Art wird uns die Geschichte der Khmerreiche nähergebracht. Ebenso wichtig ist die Entwicklung der Religionen in dieser Zeit, die uns neben einer Auffrischung der Grundlagen kurzweilig und mit vielen konkreten Beispielen vermittelt wird. Viele der verwendeten Bilder werden wir in den Tempeln wiederfinden und so eine Einordnung in die alte Weltordnung vornehmen können.

Moderne Kutschen

Nachdem die Vorfreude auf die Tempel durch die tolle Ausstellung geweckt wurde, können wir kaum erwarten, dass es losgeht. Am nächsten Morgen steht unser Tuk Tuk-Fahrer für die nächsten drei Tage bereits um halb sechs Uhr vor der Tür und noch ist Müdigkeit das vordringliche Gefühl. Kambodschanische Tuk Tuks – auch moto-remorque genannt – sind Mopeds mit kutschenähnlichen Anhängern. So sitzen wir bequem und geschützt auf unserer modernen Kutsche und lassen unsere Lebensgeister langsam vom kühlen Fahrtwind wecken. Als die ersten verfallenen Türme in Sichtweite kommen ist die Müdigkeit gänzlich verflogen und weicht der Erwartung, etwas Grandioses sehen zu können.

Wir haben uns bei der Routenplanung auf die Empfehlung des Fahrers verlassen und sind etwas enttäuscht von der stark verfallenen Ruine des ersten Tempels. Die architektonischen Details und Reliefe waren hunderte von Jahren der Witterung ausgesetzt und der Verfall ist weit fortgeschritten. Unsere Spannung ist aber ungebrochen und der nächste Tempel soll besser sein. So stehen wir dann auch staunend vor dem grandiosen östlichen Zugangstor zu Banteay Kdei, einem größeren, jedoch kaum freigelegten Tempel. Die Ruine wurde nur zum Teil vom wuchernden Dschungel befreit. Riesige Bäume mit ausladenden Wurzeln thronen hoch über den verfallenen Mauern und Hallen und lassen uns den Anblick erahnen, der sich den Entdeckern der Anlage geboten haben muss. Zum Glück ist es noch früh und wir sind vor den Tourbussen hier angekommen. So können wir die ersten Sonnenstrahlen und die „Ruhe“ des Dschungels genießen. Die Atmosphäre in dem Tempel hat etwas Mystisches an sich, das wir noch nicht ganz fassen können.

Touristenhorden

Leider bleibt die Stille nicht lange gewahrt, denn wir erreichen den nächsten Tempel erst um halb neun Uhr. Von der Atmosphäre des letzten Tempels ist nichts mehr zu spüren. Mehr als fünfzig johlende Chinesen stellen sich zum Gruppenfoto auf, nehmen jede Sicht auf die Ruine und toben lautstark vor uns her. Endlose Fotoshootings mit immergleichem Grinsen und Victory-Zeichen machen es unmöglich die faszinierende Anlage wahrzunehmen, so dass wir entnervt aufgeben und uns für den nächsten Tag eine frühere Wiederkehr vornehmen.

Zum Glück stehen für den Rest des Tages Tempel auf dem Plan, die durch besondere Skulpturen und feine Steinschnitzereien ihre Bedeutung erlangen. So stören die Horden trampelnder Touristen nur, wenn sie versuchen, die Figuren zu besteigen, um von sich ein Foto machen zu lassen – mit Grinsen und V-Förmig gespreizten Fingern versteht sich. Ungetrübt davon sind wir von der Kunstfertigkeit der alten Khmer beeindruckt und bewundern die riesigen Reliefe, Unmengen von tanzenden Apsara-Nymphen, Dämonen und Göttern. Einzigartig und besonders außergewöhnlich sind die riesigen Gesichter im Stil des Bayontempels. Die Tore von Angkor Thom und der imposante Bayontempel sind mit diesen charakteristischen Steinhauereien versehen. In jede der vier Himmelsrichtungen blickt eines der über zwei Meter großen und aus mehreren tonnenschweren Sandsteinblöcken zusammengesetzten Gesichter mit göttlicher, duldsamer Miene. Wir stehen staunend vor den Türmen und spüren die ganze Dimension der Tempel, als die Gesichter der stummen Zeugen aus alter Zeit auf uns herabblicken.

Der Superlativ religiöser Baukunst lautet Angkor Wat. Die schieren Ausmaße der größten religiösen Struktur der Welt ist atemberaubend. Die verschwenderische Vielfalt und Detaillierung der Steinschnitzereien lässt uns den Aufwand bei der Errichtung des Tempels nur erahnen. Allein die benötigten Heere der besten Steinmetze aus der gesamten Region müssen überwältigend gewesen sein. So umläuft das weltgrößte Relief die gesamte untere Ebene und ist beinahe 800 Meter (!) lang.
Die ganze Einzigartigkeit wird nur durch eines in den Schatten gestellt: Touristenhorden. Kaum ein Relief sehen wir unverdeckt, geschweige denn erhalten wir einen Überblick des Tempels ohne Menschen. Zu keiner Zeit des Tages gibt es an diesem Ort Ruhe. Sonnenauf- und Sonnenuntergangstouren sorgen dafür, dass garantiert keine Minute ungenutzt bleibt. Mit ein bisschen Glück kann zwischen Sonnenaufgang und den ersten Bustouren vielleicht eine ruhige Minute auftreten. Dennoch ist der Tempel durch die architektonische Dimension und die Qualität der Skulpturen und Reliefe ein absolut lohnenswertes Ziel und wir verlassen ihn überwältigt und voller Eindrücke.

Nach zwölf Stunden Tempelerkundung kommen wir erschöpft im Dunkeln zurück in unsere Unterkunft. Dennoch verabreden wir uns für den nächsten Tag noch früher mit unserem Fahrer, um den Touristenmengen zu entkommen. Der größte Teil der Faszination der Khmertempel liegt für uns in der magischen Atmosphäre, die in den frühen Morgenstunden in den überwucherten Tempelruinen herrscht. Die kurze ungestörte Zeit, in der die Stille nur durch fremdartige Vogelrufe und das Rascheln der Blätter durchbrochen wird.
Wir beginnen den Tag mit Ta Prohm, dem schönsten der beinahe natur belassenen Tempel. Tore, Gänge und Nischen werden durch riesige Bäume in festem Griff gehalten. Enorme Wurzeln pressen sich mühelos durch Steinmauern, drücken schwere Steinblöcke auseinander und umschlingen Skulpturen und ganze Türme. Wir können beinahe zusehen wie die Natur den Tempel zurück erobert und die Ruine zurück in den Dschungel zieht. Eine gewaltige Urkraft ist an diesem Ort zu spüren und wir haben das Gefühl, dass plötzlich ein ganzer Turm verschwinden könnte, wenn wir uns umdrehen und einer der Bäume die Geduld verliert.

Am nächsten Tag haben wir ein ähnliches Gefühl in dem weit abgelegenen Tempel Beng Melea. Die zweistündige Anfahrt zwingt uns wiederum früher aufzustehen und es ist noch stockdunkel und kalt, als wir uns auf den Weg machen. Wir gewinnen das Rennen gegen die anderen Touristen und haben den Tempel beinahe zwei Stunden ganz für uns allein.

Große Teile des Tempels sind eingestürzt und überwuchert. Moos und Bäume legen sich über die wild durcheinander gewürfelten Steinblöcke. Das frühe Morgenlicht kämpft sich durch die Baumwipfel und vereinzelt schaffen es warme Strahlen bis zur Ruine. Wieder haben wir das Gefühl, dass die Natur nur innehält, solange wir zusehen. Sobald wir uns umdrehen, schiebt sich eine Baumwurzel zwischen den Steinen entlang und nimmt einen weiteren Teil des Tempels in Beschlag…

Anders als in den erschlossenen Tempeln können wir uns beinahe frei bewegen, durch halb verschüttete und zugewachsene Gänge wandeln und auf den Überresten der mächtigen Mauern bis zu den eingestürzten Türmen balancieren. Dort oben thronen kambodschanische Kinder, die uns dabei beobachten wie wir unseren Weg durch den zugänglichen Teil der Ruine bahnen. Immer wieder sehen wir sie an den für uns unerreichbaren Stellen und auf den höchsten Punkten. Sie beobachten uns und es scheint so, als würden sie langsam näher kommen; immer abwägend, ob es sich lohnt, Kontakt aufzunehmen.

Geheimgang in eine andere Welt

Nach einiger Zeit winkt uns ein kleines Mädchen durch die hölzernen Stützpfeiler zu und bedeutet uns, zu ihr hinüber zu kommen. Wir können keinen Pfad entdecken und so zeigt sie uns, wie wir uns durch die Tragwerksstruktur hindurch zwängen können. Was ihr mühelos gelingt, fordert von uns einiges an artistischen Verrenkungen, aber schließlich sind wir auf ihrer Seite. Auf einer anderen Seite des Tempels.
Von hier erschließt sich eine vollkommen andere Ebene der Ruine und wir können von den Beobachtungsposten der Kinder die ankommenden Touristen sehen wie sie die offizielle Runde beginnen. Immer wieder verschwindet das Mädchen in kleinen Nischen und Öffnungen, die wir vorher übersehen haben. Wir sehen neue Hallen und Gänge, die von der anderen Seite nicht wahrnehmbar sind. Wir dringen immer tiefer in die alte Struktur vor und kreuzen dennoch wiederholt die Pfade, die wir zuerst genommen haben. Diesmal aber häufig darüber oder unten durch, geführt von dem kleinen Mädchen.
Je weiter wir vordringen, desto lebendiger wird der Tempel. Hin und wieder kommt ein erklärender Brocken von dem kleinen Mädchen: „Library“, also die Bibliothek. Das Kind zeigt mit seinem Arm in Richtung einer halb eingestürzten Struktur. Wir spüren die vergangene Kultur ganz nah unter der Oberfläche unserer Realität und erwarten beinahe, dass ein Priester oder Bediensteter um die Ecke kommt und uns merkwürdige Menschen aus einer anderen Zeit mit Erstaunen ansehen.

Langsam führt uns das Mädchen in unsere Welt zurück. Mit den Worten „Tip Guide?“ spricht sie die magischen Worte, die den Bann vollends brechen und uns in die Realität entlassen. Milde lächeln wir, brechen mit unserem Grundsatz, Kindern kein Geld zu geben und entlohnen den besten Guide unserer gesamten Reise. Wer kann schon sagen, dass er uns in eine andere Welt gebracht hat?




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